Zwei Projekte – ein Ziel: Integrationskurse machen Migranten für ihren Traumjob fit

31. Januar 2011 at 12:36

Quelle: Stader Tageblatt 28.01.2011

Die Sprache ist das A und O
Junge Menschen mit Migrationshintergrund lernen in Stade intensiv Deutsch für ihren Schulabschluss

STADE. Sie kommen aus Albanien, aus China, dem Irak, Polen oder der Türkei – und haben ein gemeinsames Ziel: Den deutschen Schulabschluss. Um den zu erreichen, sind die jungen Leute von der Schulpflicht befreit. Was sich zunächst seltsam anhört, macht Sinn: Beim ersten speziell für Jugendliche ausgerichteten Integrationskurs pauken die Migranten seit Anfang Dezember täglich sechs Stunden lang die deutsche Sprache. Tageblatt Reporter Sam Warmke war einen Tag mit dabei.

„Herzlichen Glückwunsch zu dreißig erfolgreichen Jahren in unserem Betrieb“, liest Ali Hassan-Fakhro vor. Er schaut kurz in sein Schulbuch und wandert mit seinem Zeigefinger zum Buchstaben f. „Das passt. Er arbeitet dort seit dreißig Jahren.“ Lehrer Alfred Schüch hebt den Daumen. „Das ist richtig.“ Ali strahlt über das ganze Gesicht – solch ein Erfolgserlebnis beim Lernen hatte er schon lange nicht mehr.

Ali ist einer von acht Teilnehmern des Integrationskurses in der Stader Privatschule. Die Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren sitzen zusammen im Klassenraum – Thema heute: Zeitungsanzeigen.

Die Jugendlichen im Integrationskurs sind in der Schule zuletzt gescheitert. Ihr Hauptproblem sind fehlende Deutschkenntnisse. Für jemanden, der die Frage nicht versteht, ist es unmöglich, die richtige Antwort zu geben – auch wenn er sie womöglich weiß. „Die Schüler haben das Wissen, können es jedoch nicht richtig zum Ausdruck bringen“, sagt Hartmut Meyer von der Prager Privatschule. Ein schulisches Scheitern sei programmiert.

Deswegen sind auch die Geschwister Mavis hier. Der 15-jährige Ali kommt aus der Türkei. Seit 18 Monaten lebt er in Deutschland. Er möchte hier einmal als Ingenieur arbeiten. „Wir brauchen diese Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Hartmut Meyer. „Es muss ihnen gezeigt werden, dass auch sie Chancen auf einen Job und eine Zukunft in Deutschland haben.“

Intensivkurse, in denen Migranten täglich die deutsche Sprache vermittelt wird, gab es bisher nur für Erwachsene. Jugendlichen war die Teilnahme aufgrund ihrer Schulpflicht versagt. Weil dies nun anders ist, wurde Anfang Dezember der erste Integrationskurs für junge Menschen im Landkreis Stade ins Leben gerufen. „Dadurch erhalten die Schüler die Chance, ihre Deutsch-Kenntnisse in aller Ruhe und Sorgfalt zu verbessern“, sagt Gaby Siedentopf von der Migrationsberatung der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Mitmachen darf nur, wer die Kriterien des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erfüllt. So werden EU-Bürger beispielsweise zunächst nicht berücksichtigt.

Mit der Teilnahme an dem Kurs wollen die Jugendlichen ihre späteren Chancen auf einen Beruf verbessern. „Ich hoffe, dass ich den erweiterten Realschulabschluss schaffe und später vielleicht mit Computern arbeiten kann“, sagt Ali Nazar Nazhat. Ab und zu hat er zwar noch einige Probleme beim Sprechen, „aber das ist schon viel besser geworden“, sagt Hartmut Meyer.

Zeynep, die Schwester von Ali Mavis, besuchte zuletzt wie viele andere im Kurs die Hauptschule in der Thuner Straße. Sie möchte später als Rechtsanwaltsgehilfin arbeiten. „Zuerst ist aber der Realschulabschluss dran“, sagte Zeynep. Dies ist ein Satz, der sehr häufig unter den Jugendlichen fällt. In dem Kurs haben sie endlich wieder Spaß am Lernen. Neben Deutsch pauken sie fachbezogene Unterrichtsfächer wie Mathematik, Naturwissenschaften und Politik. EDV-Kurse runden das Programm ab. Auch Praktika gehören zum Konzept des Integrationskurses, der noch bis zum Sommer läuft.

Bis dahin gibt es noch viel zu lernen. Die Bedeutung von Adjektiven beispielsweise. Ali Hassan-Fakhro soll sagen, was er von der vorgelesenen Anzeige hält. „Die finde ich spannend“ sagt er ohne Probleme – mit der deutschen Sprache kommt er von Tag zu Tag besser zurecht.


Das Projekt: Der Integrationskurs für Jugendliche wird organisiert von der Stader Privatschule, der Volkshochschule, der Ausländerbehörde der Stadt Stade und der Migrationsberatung der AWO. Bei dem Integrationskurs für Jugendliche handelt es sich um ein bundesweites Projekt des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF)